Märchen einst und heute – Märchenhafte Geschichten

Wir kennen die überlieferten Märchen aus Büchern, wo sie in dem Wortlaut erscheinen, der von den Sammlern oder Herausgebern für das Lesen formuliert wurde. Kinder lernen sie meist in reich bebilderten Märchenausgaben kennen, aus denen sie ihnen vorgelesen werden. Die Märchenerzähler früherer Zeiten boten diese Erzählungen jedoch in freier Rede und ausgeprägter Gestik und variierten Sprache und Handlungen je nach Geschmack und Zuhörerschaft. Deshalb gibt es von jedem Märchenstoff zahlreiche „Varianten“.

Märchen berichten in gut überschaubaren Handlungen von wenigen heldenhaften Figuren und ihren boshaften Widersachern. Sie sind über das flüchtige Hören gut aufzunehmen, damit erleichtern sie auch den Erzählenden das Handwerk: Sie lassen sich leicht einprägen und mit eigenen Worten vortragen, laden dazu ein, sie weiter zu phantasieren und auszuschmücken.

Traditionelle Märchenerzähler haben immer und überall mit den überlieferten Helden und ihren Motiven gespielt, sie umformuliert oder ganz neue Märchen daraus geformt.

Das dürfen wir ihnen nachmachen. Solange man die Handlungslogik der Vorlage beachtet, erweisen sich viele Märchen als unverwüstliche „Erzählstückl“ (wie sie von den Märchenerzählern selbst oft genannt wurden).

Der Riese Hunold

Der Mund erzählt, mit wel­chem Trick des­sen klu­ge Frau den Rie­sen Hunold davor bewahr­te, von einem stär­ke­ren Rie­sen klein gemacht zu wer­den. Aber auch die Hän­de, die Füße, ja alle Kör­per­glie­der spie­len mit und zei­gen, was in der Geschich­te vor sich geht. 

Der verhexte Ring

Wie der ver­hex­te Ring in die Welt kam, was mit dem- oder der­je­ni­gen pas­siert, die ihn am Fin­ger trägt, und wie er von einer Hand zur ande­ren wan­dert, erzählt die­se Geschich­te, die ein ita­lie­ni­sches Mär­chen wei­ter phantasiert.

Das große Tauziehen

Wie die Schild­krö­te dem Ele­fan­ten und dem Nil­pferd weis­macht, dass sie genau­so stark ist wie sie, und war­um die­se Bei­den das auch wirk­lich glauben.

Der Steinbildhauer

War­um ist die­ser Stein­bild­hau­er nie zufrie­den mit dem, was er ist? Erst will er ein rei­cher Mann sein, dann die Son­ne, eine Wol­ke, der Wind, ein Fel­sen, um am Ende dann doch lie­ber wie­der Stein­bild­hau­er zu werden.

Die Reise ins Paradies

Ein gött­li­cher Ele­fant ver­spricht dem Tem­pel­die­ner Gau­ba, ihn ins Para­dies mit­zu­neh­men. Und er wäre wohl auch mit sei­ner Frau, sei­nen Ver­wand­ten und sei­nem gelieb­ten Äff­chen ins Para­dies gekom­men, hät­te er sei­ner Frau nicht zei­gen müs­sen, wie groß dort die Melo­nen sind. Nur die­ses Äff­chen gelang­te in Para­dies, und wenn man ihm glau­ben darf, lebt sich’s dort gar nicht so paradiesisch.

Der dicke fette Pfannkuchen

Eine neue Fas­sung der guten alten Geschich­te vom Pfann­ku­chen, der aus der Pfan­ne springt und durch die Welt rollt, den alle, die ihm begeg­nen, ver­s­prei­sen möch­ten, der aber allen ent­wischt, bis ihn sein Schick­sal den­noch ereilt.

Der Kaffeetopf des Riesen

Wie soll er nur das Rie­sen­loch im Kaf­fee­topf des Rie­sen abdich­ten? Der arme Kes­sel­fli­cker holt mit sei­nem Jam­mern ein Küchen­ge­rät nach dem andern aus dem Schlaf. Jedes schlägt aus Mit­leid mit ihm Krach, bis ein Zwerg­lein von dem wil­den Geräusch­kon­zert auf­wacht und dem Kes­sel­fli­cker eine Zau­ber­pas­te schenkt. Damit kann er den Kaf­fee­topf dich­ten und wird von der Rie­sin reich belohnt.

Die Goldene Gans

Als sie sah, wie vie­le Leu­te und Din­ge an der Gol­de­nen Gans kleb­ten, muss­te selbst die tod­trau­ri­ge Prin­zes­sin von Por­tu­gal lachen.

Wie die Geschichten in die Welt kamen

Anfangs erzähl­te nur der Him­mels­gott Geschich­ten. Das ärger­te Anan­si, der woll­te, dass Geschich­ten über ihn erzählt wür­den. Der Gott stell­te ihm schwe­re Bedin­gun­gen, aber mit Hil­fe sei­ner Frau konn­te sie Anan­si erfül­len. Seit­dem wer­den über­all Anan­si-Geschich­ten erzählt.

Das Gerücht vom furchtbaren Kater

Der Fuchs hat den dicken fet­ten Kater aus der Stadt ein­ge­la­den. Der soll ja Zäh­ne haben schär­fer als ein Hai, ein Maul grö­ßer als ein Nil­pferd, und wer weiß, was sonst noch. Aus Angst vor ihm ver­schwin­den die Tie­re aus dem Wald und selbst der Fuchs macht sich am Ende aus dem Staub. Da wun­dert sich der dicke fet­te Kater aus der Stadt, dass es im Wald kei­ne Tie­re gibt und geht wie­der zurück in die Stadt.

Es war einmal

Es war ein­mal ein geschich­ten­süch­ti­ger König, der sein Reich dem ver­sprach, der ihm end­lich eine Geschich­te erzählt, die nicht mit „Es war ein­mal“ beginnt. Drei Brü­der ver­su­chen es, aber nur dem Jüngs­ten gelingt es, weil er einem Bett­ler sei­ne ein­zi­ge Lira schenkte.

Die kluge Else

Eine Frau, die vor Angst zit­ter­te, weil sie sich vor­stell­te, was viel­leicht unter Umstän­den Furcht­ba­res pas­sie­ren könn­te, woll­te selbst der dum­me Hans nicht heiraten.

Der Breikessel

Wie eine schö­ne Mül­lers­toch­ter dem Mül­ler mit dem Koch­löf­fel in der Hand und der Mül­le­rin mit dem Brei­kes­sel auf dem Kopf hin­ter­her rennt, sie schließ­lich einen Prin­zen hei­ra­tet, aber der Brei in die­sem Kes­sel allen Gäs­ten bes­ser schmeck­te als der gan­ze Hochzeitsschmaus.