Ich kann euch noch lange erzählen – Lange Geschichten

Unsere Alltagserzählungen erschöpfen sich meistens in kurzen Anekdoten. Auch die Märchen, die uns in Europa überliefert wurden, kennen wir als kurze Texte. Tatsächlich gab es aber auch hier Gelegenheiten, für die oft stundenlange Geschichten erwünscht waren, um etwa Frauen in Spinnstuben zu unterhalten oder um einen langen Fußmarsch zu „verkürzen“. Professionelle Erzähler im Orient, in Indien oder China erzählten vorzugsweise stunden- und nächtelange Geschichten oder boten sie in vielen Fortsetzungen.

Es kostet Vorbereitung, sich lange und verwickelte Geschichten anzueignen. Die Zuhörerschaft aber wird diese Mühe lohnen: Es macht großes Vergnügen, sich über längere Zeit der Stimme der Erzählenden zu überlassen, die verschlungenen Wege der Handlung zu verfolgen und sich dabei immer neue Aktionen und Situationen auszumalen, ehe es zur unvermeidlichen Auflösung der geknüpften Knoten kommt. Solche Erzählungen eignen sich auch vorzüglich, um ein erwachsenes Publikum zu unterhalten.

Dabei kann man sich die Vorbereitung erleichtern, indem mehrere Erzählende jeweils einen Abschnitt der Geschichte übernehmen. Auch für das Publikum ist das reizvoll: Die unterschiedlichen persönlichen Erzählstile verleihen der durchlaufenden Geschichte dann wechselnde Farben.

Die anhänglichen Pantoffeln

Weil sie gar so gut ankom­men, trägt Herr Mei­er sei­ne edlen Pan­tof­feln Tag für Tag, bis jeder in unse­rem Vier­tel den komi­schen Kerl kennt, der bei Wind und Wet­ter, Regen und Sturm nur in sei­nen Schlap­pen her­um­lief. Kein Wun­der, dass er sie bald schwe­ren Her­zens ent­sor­gen muss. Aber das war leich­ter gesagt als getan, erst wer­den sie ihm von den Nach­barn wie­der ins Haus gebracht. Dar­um ver­sucht er sie dort los­zu­wer­den, wo ihn bestimmt nie­mand kennt, aber von wegen! Auf den selt­sams­ten Wegen fin­den sie doch wie­der zu ihrem Besit­zer zurück, als ob sie an ihm kle­ben wür­den. Aber auch die­se schier end­lo­se Geschich­te fin­det schließ­lich noch ein über­ra­schen­des Ende. 

Die Geschichte vom Zauberer und vom Garkoch

Ein Zau­be­rer macht einen ein­fa­chen Gar­koch zum Gelieb­ten der Toch­ter des Kali­fen Harun-al-Rachid. Als es ent­deckt wird, befiehlt der hohe Herr Gar­koch und Zau­be­rer dem Hen­ker zu über­ge­ben. Die Neu­gier aber treibt ihn vor­her noch zu erfah­ren, wie der Zau­be­rer den jun­gen Mann in den Palast schmug­gel­te. Als Pro­be sei­ner Kunst bit­tet der Zau­be­rer den Beherr­scher der Gläu­bi­gen in eine Schüs­sel zu stei­gen, wo er wah­re Wun­der erle­ben wer­de. Der miss­traui­sche Kalif schickt erst ein­mal sei­nen Wesir vor, doch als ihm der ver­si­chert, Erstaun­li­ches erlebt zu haben, wagt auch er den Sprung in die Schüs­sel. Was er dabei erfährt, besänf­tigt ihn und er stimmt der unglei­chen Ver­bin­dung zu.

Der Tagdieb und der Nachtdieb

Zwei Die­be sind mit der glei­chen Frau ver­hei­ra­tet, ohne dass die Bei­den das wuss­ten. Als sie es ent­de­cken, will sie den als recht­mä­ßi­gen Ehe­mann behal­ten, der sich als der geschick­te­re Dieb erweist. Zwei Mal zie­hen die bei­den los, um ihre unnach­ahm­li­che Kunst zu zei­gen. Aber es endet anders, als sie dachten. 

Die Geschichte von Abu Disa, der auch Usfur, der Spatz genannt wurde, und seiner Frau Scharada, der Heuschrecke

Scha­ra­da zwingt den Faul­pelz einen Wahr­sa­ger zu spie­len, und sie­he da, schier aus Ver­se­hen trifft er immer mit­ten ins Schwar­ze, wird schließ­lich gar zum Hof­wahr­sa­ger des Sul­tans ernannt. Aber was ist, wenn er sich dem­nächst ver­tut? Die Frau ver­rät ihm, wie er den ver­hass­ten Job ganz bestimmt wie­der los­wird. Aber das ist dann doch nicht so ein­fach, wie es sich dachte.