Die Schatzsuche

Jean-Clau­de war Fischer auf der Kari­bik­in­sel Goua­da­lou­pe. Jeden Mor­gen fuhr er auf die See hin­aus um zu fischen.

Eines Mor­gens, als er wie­der gera­de in sein Motor­boot stieg, kam ein Mann mit einem Ruck­sack auf dem Rücken auf ihn zu, nach dem Aus­se­hen ein India­ner, und frag­te:
„Kannst du mich aufs Meer hin­aus­fah­ren, Freund?“
„Willst du Fische fan­gen?“
Der India­ner schüt­tel­te den Kopf.
„Was suchst du dann auf dem Meer?“
„Ich suche eine Insel?“
„Wie heißt die Insel?“
„Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, wie sie aus­sieht.“
„Dann zeig mir ein Bild. Ich ken­ne hier alle Inseln und Fel­sen­rif­fe weit und breit.“
„Ich habe kein Bild.“
„Und woher weißt du, wie sie aus­sieht?“
„Ich habe sie im Traum gese­hen.“
„Und jetzt ziehst du von Insel zu Insel und suchst nach dei­ner Traum­in­sel?“
„Rich­tig.“
„Wie lan­ge schon?“
„Drei Jah­re!“
„Ich werd ver­rückt! Seit drei Jah­ren suchst du nach dei­ner Traum­in­sel? Und was willst du dort?“
„Einen Schatz fin­den.“
„Das hast du wohl auch geträumt?“
Der India­ner nick­te.
Jean-Clau­de lach­te und mein­te mehr zum Spaß: „Na schön, wenn du mir die Hälf­te von dei­nem Schatz über­lässt, fah­re ich dich auf dei­ne Traum­in­sel.“
Der India­ner hielt ihm die Hand hin. „Abge­macht.“
Jean-Clau­de zöger­te. „Moment! Was ist, wenn wir dei­ne Insel nicht fin­den? Oder es da gar kei­nen Schatz gibt? Dann musst du mich für die Fahrt bezah­len.“
Der India­ner streck­te ihm immer noch die Hand hin und nick­te. „Ich hei­ße übri­gens Jérô­me.“
Da schlug Jean-Clau­de ein, warf den Motor an und sie fuh­ren aus dem Hafen.
Der Fischer steu­er­te eine Grup­pe klei­ner Inseln an, die zur Insel­grup­pe der Îles Sain­tes, der hei­li­gen Inseln, gehör­ten. Er lenk­te das Boot erst um die ers­te Insel her­um, dann um die zwei­te,, aber der India­ner schüt­tel­te nur den Kopf. An der drit­ten rief er: „Das ist sie. Da, fahr dort hinein!“

Jean-Clau­de steu­er­te eine klei­ne Sand­bucht an, auf die der India­ner zeig­te.
Kaum knirrsch­te der Sand unter dem Boot, sprang der India­ner ans Land, hol­te einen zusam­men­klapp­ba­ren Spa­ten aus sei­nem Ruck­sack, und stieß ihn in den Sand.
„Suchst du da dei­nen Schatz?“ frag­te ihn der Fischer.
Der India­ner aber leg­te nur den Fin­ger an den Mund, zog den Spa­ten aus dem Sand und stieß ihn einen Fuß breit dane­ben wie­der hin­ein.
Auf was für einen selt­sa­men Vogel hast du dich da ein­ge­las­sen, dach­te Jean-Clau­de, setz­te sich auf die Reling sei­nes Boo­tes und wartete.

Er war­te­te gut eine Stun­de, wäh­rend der der India­ner sei­nen Spa­ten in den Sand der klei­nen Bucht setz­te, immer einen Fuß breit von sei­nem letz­ten Stoß ent­fernt. Jean-Clau­de bereu­te schon, dass er sich auf den selt­sa­men Kerl ein­ge­las­sen hat­te, da stieß der Spa­ten plötz­lich auf etwas Har­tes und man hör­te einen metal­le­nen Klang. Der India­ner schau­fel­te die Stel­le frei. Nach kaum einer Spa­ten­tie­fe hat­te er ein metal­le­nes Käst­chen frei­ge­legt. Es war ver­schlos­sen, aber mit einem Stemm­ei­sen, das er aus sei­nem Ruck­sack hol­te, hat­te er es bald auf­ge­sprengt.
Und was ent­hielt es? Nur zwei ver­gilb­te Blät­ter.
„Ein schö­ner Schatz!“ mein­te Jean-Claude.

Der India­ner ließ sich davon nicht beein­dru­cken. „Lies das und über­set­ze es mir. Ich spre­che nur eng­lisch.“ Jean-Clau­de las es durch und pfiff durch die Zäh­ne. Er war überrascht.

„Was steht da?“ frag­te der India­ner und Jean-Clau­de über­setz­te:
Frem­der, ein glück­li­ches Schick­sal hat sich hier­her geführt! Ich bin der letz­te aus einer Mann­schaft von Pira­ten. Die Schät­ze, die wir raub­ten, ver­gru­ben wir auf die­ser Insel. Aber jetzt sind alle mei­ne Kame­ra­den tot, und auch ich bin schon alt und wer­de bald ster­ben. Aber was soll ich hier, allein auf die­ser Insel, mit all dem Gold anfan­gen? Es mag dort in der Erde ruhen, bis es ein glück­li­cher Fin­der fin­det. 
Frem­der, viel­leicht bist du der glück­li­che Fin­der. Fin­de die ver­steck­ten Bot­schaf­ten, deu­te sie rich­tig und befol­ge, was sie dir sagen. Viel Glück! Der ein­sa­me alte Pirat.

 

 

Auf dem zwei­ten Blatt stand in schwung­voll geschrie­be­nen  Buch­sta­ben: Bot­schaft eins. Und darunter:

 

 

 

 

Krumm­aus den Berg hin­un­ter. An der Quel­le links liegt die Plat­te von Stein. Auf ihr ver­gra­ben war­tet die nächs­te Botschaft.

 

Jean-Clau­de hat­te den India­ner bis­her nicht recht ernst genom­men. Aber nun hat­te er auch Feu­er gefan­gen, viel­leicht gab es hier wirk­lich einen Schatz zu heben.  Jérô­me schul­ter­te sei­nen Ruck­sack und sie waren schon dabei los­zu­lau­fen. Aber wohin? Von der Bucht zogen sich nach allen Sei­ten stei­le Hän­ge berg­auf. Was hieß hier „krumm­aus“? und wie soll­ten sie hier einen Berg hin­un­ter­ge­hen?
„Viel­leicht müs­sen wir erst über den Berg hin­auf­stei­gen und dann auf der ande­ren Sei­te hin­un­ter­ge­hen,“ mein­te Jean-Claude.

Auf dem sanft anstei­gen­den Hang zeich­ne­te sich eine Art Tram­pel­pfad ab, der von Gras über­wu­chert war und anschei­nend schon lan­ge nicht mehr benutzt wur­de. Sie folg­tem dem Pfad und stie­ßen auf hal­ber Höhe auf eine Quel­le.
Moment! In der Nach­richt des alten Pira­ten war doch von einer Quel­le die Rede! Tat­säch­lich lag neben der Quel­le eine Stein­plat­te, aber sie lag rechts und nicht links von der Quel­le. Was hat­te denn das zu bedeu­ten?
Wäh­rend sich der India­ner umsah, hat­te Jean-Clau­de eine Ein­ge­bung: „Viel­leicht ist das Gegen­teil gemeint! Krumm­aus meint gera­de­aus, run­ter meint rauf, und links meint rechts.“

Tat­säch­lich, als sie die Stein­plat­te rechts von der Quel­le hoch wuch­te­ten, fan­den sie dar­un­ter eine Kas­set­te mit der nächs­ten Botschaft.

Bot­schaft zwei. Bli­cke zurück! Siehst du den wei­ßen Fel­sen? Vor dem Fel­sen steht ein schmäch­ti­ges Bäum­chen. In sei­nen Ästen war­tet die nächs­te Botschaft.

 

Wie war das zu ver­ste­hen? War auch damit wie­der das Gegen­teil gemeint? Rich­tig! Als sie nicht zurück, son­dern nach vor­ne blick­ten, erkann­ten sie oben auf einer Berg­kup­pe einen schwar­zen Fel­sen, doch von einem Bäum­chen vor dem Fel­sen war nichts zu sehen. Nun ja, ‚vor‘ mein­te ja wohl wie­der ‚hin­ter dem Fel­sen‘.
Sie stie­gen bis zu dem schwar­zen Fel­sen hoch, aber auch hin­ter dem Fel­sen konn­ten sie kei­nen Baum ent­de­cken, weder einen schmäch­ti­gen noch einen mäch­ti­gen. Sie stan­den auf einer klei­nen Wie­se, mit­ten auf der Wie­se bemerk­ten sie eine klei­ne kreis­run­de Erhe­bung, von der eine läng­li­che Erhö­hung wie ein klei­ner Damm viel­leicht zwan­zig Meter quer durch das Gelän­de lief. 
„Was siehst du?“ frag­te der India­ner.
„Halt mich bit­te nicht für blöd!“ ent­rüs­te­te sich der Fischer. „Offen­sicht­lich schon ewig her, dass der alte Pirat hier haus­te. Aus dem Bäum­chen ist ein Baum gewor­den, und der ist auch schon wie­der umge­stürzt und ver­mo­dert. Die Kas­set­te muss aus den Ästen gefal­len sein. Aber viel­leicht liegt sie ja hier noch irgend­wo am Boden.“ Und damit unter­such­te er die Erde am obe­ren Ende des ver­mo­der­ten Stam­mes, wo sich einst die Äste des Baum­rie­sen aus­ge­brei­tet haben muss­ten.
Der India­ner hol­te wort­los sei­nen auf­klapp­ba­ren Spa­ten aus dem Ruck­sack und stieß mit der Spa­ten­spit­ze rings um den Platz, wo der Baum ein­mal in der Erde gestan­den hat­te. 
Der Fischer kam zurück und mein­te: „Hat kei­nen Sinn! Die Kas­set­te ist sicher längst mit­samt der Bot­schaft ver­gam­melt.“
In die­sem Moment stieß der Spa­ten wie­der auf einen metal­li­schen Gegen­stand. Der India­ner grub tie­fer und zog die Kas­set­te mit der drit­ten Bot­schaft aus der Erde.
Was hat­te Jean-Clau­de über­se­hen? „In den Ästen“ mein­te natür­lich „zwi­schen den Wurzeln.“

Die nächs­te Bot­schaft lautete:

Bot­schaft drei. Du bist auf der fal­schen Spur! Gehe hun­dert Schrit­te zurück ins Tal! Dort dreh dich im Kreis! Wenn du das Meer nicht mehr siehst, gehst du in die fal­sche Rich­tung. Geh zwei­hun­dert Schrit­te zurück bis zum Loch im Him­mel! Durch das Loch hin­durch rut­sche nach oben! Auf dem Bett im Him­mel war­tet die nächs­te Botschaft.

 

Das wur­de ja immer selt­sa­mer. Was war wohl aus die­ser Bot­schaft zu schlie­ßen?
„Immer­hin,“ kom­bi­nier­te Jean-Clau­de. „Wir sind auf der rich­ti­gen Spur!“ 
Von der Berg­kup­pe, auf der sie stan­den, hat­ten sie einen wei­ten Blick über die Insel. Aber nur Jean-Clau­de war groß genug über das Busch­werk hin­weg­zu­se­hen.
Der India­ner, der einen Kopf klei­ner war, frag­te: “Siehst du das Meer?“ Jean-Clau­de nick­te.
Zwi­schen den grün wuchern­den Hügeln und Berg­hän­gen war es in einer Rich­tung ein Stück blau­es Was­ser zu erken­nen. Aber wie soll­ten sie in die­se Rich­tung gehen? Dich­tes Busch­werk ver­sperr­te das Durch­kom­men. Der India­ner drück­te Jean-Clau­de ein Busch­mes­ser in die Hand und griff sich ein zwei­tes aus dem Ruck­sack. Sie muss­ten sich mit den Busch­mes­sern durch das Gestrüpp kämp­fen und ris­sen sich die Haut an den Dor­nen auf, die auf den Sträu­chern wuch­sen. Aber wie soll­ten sie die Rich­tung hal­ten, wenn sie über das manns­ho­he Gestrüpp nicht hin­weg­bli­cken und nach dem Meer sehen konn­ten? Und völ­lig aus­ge­schlos­sen, dar­über auch noch zwei­hun­dert Schrit­te abzuschätzen!

Über eine gute Stun­de kämpf­ten sie sich durch die Wild­nis. Die Mit­tags­hit­ze erwärm­te die Luft und mach­te das Vor­an­kom­men immer müh­sa­mer. Der Schweiß lief ihnen in Strö­men über das Gesicht. Schließ­lich wur­de es dem Fischer zu bunt. Er ließ sich auf einen Stein fal­len und schimpf­te: „Ich mache kei­nen Schritt mehr! Spannst du nicht, dass uns die­ser Pirat nur ver­arscht? Ein paar ver­gilb­te Blät­ter, mehr ist hier nicht zu holen!“
Der India­ner blick­te ihn abschät­zig an. „Bleib sit­zen!“ Und er ging die Stre­cke zurück, um abzu­schät­zen, wie vie­le Schrit­te sie sich durch die Büsche gekämpft hat­ten. Plötz­lich hör­te er hin­ter sich einen dump­fen Laut, wie wenn ein Stein auf feuch­te Erde plumpst, dann einen Auf­schrei. Er dreh­te sich um, aber Jean-Clau­de war ver­schwun­den. Da, wo er geses­sen hat­te, gähn­te ein Loch in der Erde.
Jérô­me beug­te sich über den Rand der Öff­nung. Tief unten hör­te er den Fischer stöh­nen. 
„Hal­lo“, rief er durch das Loch. „Hörst du mich?“
„Na klar hör ich dich,“ kam es zurück. „du schreist ja, dass einem die Ohren weh­tun. Hilf mir lie­ber her­aus!“
Der India­ner hol­te ein ein Seil aus em Ruck­sack, ver­kno­te­te das eine Ende an einen jun­gen Baum, ließ das Seil in das Loch hin­un­ter und rutsch­te dar­an in die Tie­fe. Er lan­de­te neben dem Fischer, der auf dem moras­tis­gen Boden saß und sich  die ver­stauch­ten Kno­chen massierte.

Es war schum­me­rig hier unten, nur durch das Loch, durch das Jean Clau­de gefal­len war, kam etwas Licht. Jero­me hol­te sei­ne Taschen­lam­pe aus dem Ruck­sack und schau­te sich um. Der Licht­ke­gel der Lam­pe husch­te durch den Raum.
Sie befan­den sich in einer Art unter­ir­di­scher Hal­le. Es tropf­te von der Decke, der Boden war glit­schig, es roch feucht und mod­rig. Mit­ten in der Hal­le stand ein rie­si­ger grob gezim­mer­ter Tisch. Zwei Füs­se waren durch­ge­bro­chen und die Plat­te neig­te sich auf einer Sei­te bis zum Boden. Hin­ter dem Tisch stan­den die Res­te einer lan­gen Bank, von der nur noch die Leh­ne auf­recht stand. An der Wand neben dem Tisch steck­ten noch die Pfos­ten eines Gestells im Boden, das wohl ein­mal eine Art Regal dar­stell­te. Davor lagen auf dem Boden ver­streut zer­bro­che­ne Tel­ler, Tas­sen und Schüs­seln.
„Ein net­tes Heim! Echt gemüt­lich!“ schimpf­te der Fischer. „Wo sind wir da bloß gelan­det?“
„Wir lie­gen gold­rich­tig!“ ant­wor­te­te der Idia­ner. 
Aber der Fischer schimpf­te: „Ich hab den Quatsch satt! Ich will hier raus!“ Damit ließ er sich auf einen alten Stuhl fal­len, den Jero­me anleuch­te­te. Es knacks­te und knirsch­te und schon saß der Fischer wie­der im Matsch des Höh­len­bo­dens. „
„Was soll das?“ rief ihm Jean-Clau­de hin­ter­her. „Lass uns ver­schwin­den! Das ist doch nur eine Falle!“

Doch der India­ner hör­te nicht auf ihn. Er durch­such­te die Höh­le. Von der gro­ßen Hal­le zweig­ten klei­ne­re Sei­ten­gän­ge ab. In einem die­ser Gän­ge stieß er auf eine Feu­er­stel­le: Auf dem Boden lagen noch ver­kohl­te Holz­res­te, die Wän­de waren schwarz vom Ruß. Er leuch­te­te die Decke ab, um nach einem Abzug zu suchen. Tat­säch­lich öff­ne­te sich in der Mit­te eine Art Schlot. Der Licht­ke­gel der Lam­pe zeig­te, dass der Abzug ver­stopft war.

Im nächs­ten Sei­ten­gang mach­te er eine grau­si­ge Ent­de­ckung. Dort stand noch ein halb zer­fal­le­nes Bett mit zer­schlis­se­nen und ver­mo­der­ten Kis­sen und Decken. Und zwi­schen den Lum­pen, unter denen sich ein Ske­lett abzeich­ne­te, blick­te ihn ein Toten­kopf aus lee­ren Augen­höh­len an. Aber er ließ sich auch von die­sem Anblick nicht schre­cken. Er leuch­te­te mit der Lam­pe unter das mor­sche Bett­ge­stell und was zog er dar­un­ter her­vor? Die Kas­set­te mit der nächs­ten Botschaft.


Jero­me  ging zu Jean-Clau­de zurück, spreng­te die Kas­set­te auf und hielt  ihm das ver­gilb­te Papier hin. 

 

Bot­schaft vier. Du bist ver­lo­ren! Das Gold kriegst du nicht! Suche nicht wei­ter! Auch durch das dunk­le Licht am Ende der Höh­le kommst du nicht mehr her­aus. Der Schatz liegt mehr auf dem Stein. Du sitzt in der Falle!

 

Was hieß jetzt wie­der die­se Bot­schaft?
Dem Fischer war das schnurz­egal! Er lach­te nur bit­ter: „Na bit­te, was habe ich gesagt! Es ist eine Fal­le. Die­sen Schatz gibt es gar nicht. Die­ser Pirat lacht sich noch in sei­nem Grab ins Fäust­chen und du Blöd­mann bist ihm mit dei­nem bescheu­er­ten Traum auf den Leim gegan­gen! Ich hab die Schnau­ze voll, ich will hier raus!“
An einer Wand erfass­te die Taschen­lam­pe eine aus rohen Ästen gezim­mer­te Lei­ter. „Halt!“ rief der Fischer, „leuch­te mir!“ Er tas­te­te sich bis zur Lei­ter, fass­te sie mit bei­den Hän­den und lehn­te sie unter der Öff­nung in der Decke gegen die Wand der Höh­le. Vor­sich­tig stieg er die Spros­sen hoch. Schon auf der vier­ten Spros­se knacks­te es. Die mor­sche Lei­ter gab nach, er brach durch alle Spros­sen und lan­de­te wie­der am Höh­len­bo­den im Matsch. 

Dies­mal konn­te sich der sonst so erns­te India­ner das Lachen nicht ver­knei­fen. Das brach­te den Fischer nur noch mehr auf. „Such du dei­nen Schatz, bis du schwarz wirst! Ich ver­duf­te.“ Und damit griff er sich das Seil, an dem sich Harald her­un­ter­ge­las­sen hat­te, und ver­such­te, sich dar­an hoch­zu­zie­hen. Er schaff­te es fast bis unter die Öff­nung. Mit einer Hand konn­te er schon nach oben grei­fen, und such­te nach etwas, wor­an er sich fest­hal­ten und voll­ends her­aus­zie­hen konn­te, da krach­te und split­ter­te es, das Seil mit­samt dem dar­an hän­gen­den Fischer saus­te zu Boden, die Öff­nung über ihm war plötz­lich ver­schlos­sen, er saß wie­der im Matsch und er saß im Dun­keln. 
Als Jérô­me die Lam­pe auf Jean-Clau­de rich­te­te, hin­gen Kro­ne und Äste des Bau­mes nach unten bis auf den Boden der Höh­le. Was war pas­siert? Offen­sicht­lich hat­te der Fischer mit sei­nem Gewicht das Bäum­chen, an dem das Seil befes­tigt war, aus dem Boden gezo­gen und sein Wur­zel­werk hat­te die Öff­nung an der Decke ver­schlos­sen.
Jean-Clau­de griff in die nach unten hän­gen­den Äste und ver­such­te den gan­zen Baum nach oben zu wuch­ten. „Los hilf mir!“ Aber auch gemein­sam schaff­ten sie es nicht, den Baum zu heben.
Jetzt saßen sie tat­säch­lich in der Fal­le: Die Öff­nung, durch die sie in die Höh­le gera­ten waren, war ver­schlos­sen. Wie soll­ten sie da jemals wie­der her­aus­kom­men?
„War­um habe ich Idi­ot mich von dir nur ver­füh­ren las­sen?“ keuch­te der Fischer. „Traum­in­sel! Schatz! So ein Blöd­sinn!“
„Bleib ruhig, Freund!“ mein­te der India­ner.
Aber das ärger­te den Fischer noch mehr. War­um zeig­te der Kerl kein Zei­chen von Angst. Sie saßen doch wirk­lich in der Falle!

Jérô­me­Je­ro­me leuch­te­te die Höh­le nach allen Rich­tun­gen ab. Es hieß doch in der letz­ten Bot­schaft: Durch das dunk­le Licht am Ende der Höh­le kommst du nicht mehr her­aus. Wenn wie­der das Gegen­teil gemeint war, muss­te es also noch einen Aus­gang aus der Höh­le geben. Dabei ent­deck­te er in einem Sei­ten­gang einen win­zi­gen run­den Fle­cken Tages­licht irgend­wo am Ende des Gangs.
Er rief den Fischer und sie gin­gen durch den Gang auf den Licht­fleck zu. Der Gang wur­de jedoch immer enger, bis sie sich schließ­lich gera­de noch auf allen Vie­ren hin­durch­zwän­gen konn­ten. Schon sahen sie das Tages­licht vor sich, es fehl­ten nur noch weni­ge Meter bis zum Aus­gang, da muss­ten sie fest­stel­len, das ein auf­recht ste­hen­der Stein ihnen das Durch­kom­men ver­sperr­te. Ver­gelb­lich ver­such­ten sie sich seit­lich neben die­sem Stein vor­bei­zu­zwän­gen.
„Na bit­te!“ stöhn­te Jean-Clau­de. „Was habe ich gesagt? Es ist eine Fal­le.“
Der India­ner stemm­te sich mit aller Kraft gegen den Stein. In dem engen Gang ein­ge­klemmt schaff­te er es, sein All­zweck­mes­ser aus der Hosen­ta­sche zu zie­hen. Mit dem Mute der Ver­zweif­lung begann er, das Mes­ser rings um den Stein her­um in die Erde zu sto­ßen, um das Erd­reich zu lockern. Wie­der stemm­te er sich gegen den Stein, aber der beweg­te sich nicht. Wild grub er mit dem Mes­ser wei­ter und stemm­te sich wie­der gegen den Stein. Und nach einer guten Stun­de ver­zwei­fel­ter Arbeit spür­te er, dass der Stein etwas nach­gab. Noch ein­mal locker­te er die Erde, stemm­te sich dage­gen, der Stein lös­te sich und roll­te nach drau­ßen. Sie hör­ten ihn den Abhang hin­un­ter­kul­lern und weit unter ihnen ins Meer plump­sen. Sie kro­chen hin­aus und waren frei.
„Gott­sei­dank!“ stöhn­te Jean Clau­de. „Ich dach­te schon, wir kom­men nicht mehr aus dem feuch­ten Loch raus. Aber jetzt nichts wie weg!“

Aber was mach­te der India­ner? Kaum waren sie drau­ßen, dreh­te er sich um und grub mit blo­ßen Hän­den die Erde unter der Mul­de auf, die der Stein hin­ter­las­sen hat­te. Und was ent­deck­te er dar­un­ter? Eine eiser­ne Tru­he. Als er sie auf­spreng­te, lagen dar­in 220 Maria-The­re­si­en-Taler aus purem Gold.
„Ich wuss­te, dass mich mein Traum nicht trügt.“

Wie kam der India­ner dar­auf, die Erde unter dem her­aus­ge­bro­che­nen Stein zu untersuchen? 

Die bei­den bar­gen die Tru­he und schaff­ten sie auf ihr Schiff. Aber bevor sie die Insel ver­lie­ßen, kamen sie noch ein­mal in die Höh­le zurück und begru­ben den alten Pira­ten. Danach fuh­ren sie nach Goua­da­lou­pe zurück, teil­ten den Schatz unter sich auf, der India­ner ver­ab­schie­de­te sich und ver­schwand so geheim­nis­voll, wie er auf­ge­taucht war.

Zeich­nun­gen Horst Rudolph

Die Geschich­te klingt an ein übli­ches Gelän­de­spiel an, bei dem über vor­be­rei­te­te Sta­tio­nen ein Schatz gefun­den wer­den. muss.

Die Bot­schaf­ten kön­nen auf Blät­ter aus­ge­druckt wer­den (die man rings­um etwas anko­keln kann, um sie alter­tüm­lich zu machen).

Den dra­ma­ti­schen Abschluss der Schatz­su­che kön­nen die Kin­der in einem ein­fa­chen Spiel nach­stel­len: Zwei spie­len die bei­den Schatz­su­cher, die übri­gen stel­len sich eng neben­ein­an­der als Gang auf, der immer enger wird und durch den sich die Schatz­su­cher durch­kämp­fen. Am Ende sitzt ein Kind als Stein auf einer Kis­te (in der sich als Schatz Süßig­kei­ten oder ande­re Lecke­rei­en befin­den kön­nen, die dann gemein­sam ver­speist werden).

Nach der Erzäh­lung kann eine Kar­te der Insel gezeich­net wer­den, auf der die Orte ein­ge­zeich­net wer­den, an denen die Kas­set­ten mit den Bot­schaf­ten ver­steckt waren.