Der Gedanken lesende Papagei

In einer Stadt in Indi­en leb­te ein Kauf­mann, der den gan­zen Tag in sei­nem Laden saß, um auf Kun­den zu war­ten. Und weil er sich beim War­ten lang­weil­te, wünsch­te er sich schon lan­ge Gesell­schaft, die ihm Abwechs­lung und Unter­hal­tung bie­ten wür­de.
Als er eines Tages über den Markt ging, sah er einen alten Mann vor einem Käfig mit einem Papa­gei sit­zen, an dem ein Schild hing: Spre­chen­der Papa­gei.
Da dach­te sich der Kauf­mann: „Die­ser Vogel könn­te mich unter­hal­ten, wenn ich mich lang­wei­le.“
Kaum hat­te der Papa­gei den Kauf­mann gese­hen, rief er auch schon aus: “Ich könn­te dich unter­hal­ten, wenn du dich lang­weilst.” Da lach­te der Kauf­mann und kauf­te den lus­ti­gen Vogel mit­samt dem Käfig und hing ihn an der Decke sei­nes Ladens auf.

Der Kauf­mann hielt es natür­lich für Zufall, dass ihm der Papa­gei zuge­ru­fen hat­te, was dem Kauf­mann gera­de durch den Kopf gegan­gen war. Noch ahn­te er nicht, welch wun­der­sa­me Fähig­keit die­ser Vogel besaß. Er konn­te näm­lich nicht nur spre­chen, er konn­te sogar Gedan­ken lesen. Nur eines konn­te er nicht: Er konn­te den Mund nicht hal­ten. Sobald er einen Gedan­ken wahr­ge­nom­men hat­te, muss­te er ihn auch schon laut­hals her­aus­kräch­zen.
Ich weiß nicht, ob er die­se Gedan­ken auch ver­stand. Wahr­schein­lich hör­te er Gedan­ken, wie wir Sät­ze in einer frem­den Spra­che hören, und die krächz­te er dann ein­fach nach.

Kaum hat­te der Kauf­mann den Vogel­kä­fig auf­ge­hängt, kam eine alte Frau in den Laden und frag­te, ob sie zwei Meter gel­be Sei­de bekom­men könn­te.
Gel­be Sei­de hat­te der Kauf­mann nicht mehr am Lager, doch er hat­te noch ein Rest­chen von einem bil­li­gen gel­ben Stoff, der wie Sei­de glänz­te. Er dach­te sich: “Den bil­li­gen Fet­zen dreh ich der Alten als Sei­de an.”

Aber was krächz­te da der Papa­gei, der Gedan­ken lesen konnte?

“Den bil­li­gen Fet­zen drehst du der Alten als Sei­de an.”
Da merk­te die Frau, dass sie der Kauf­mann betrü­gen woll­te, bedank­te sich und ging.

“Wenn du das noch mal machst, dreh ich dir den Hals um!” dach­te der Kaufmann.

Und was krächz­te der Papagei?

„Wenn ich das noch mal mache, drehst du mir den Hals um.“
Da merk­te der Kauf­mann, dass sein Papa­gei Gedan­ken lesen konnte.


Ein wenig spä­ter kam ein vor­nehm geklei­de­ter Herr in den Laden.
Der Kauf­mann schau­te ihn an und dach­te: „Der ist bestimmt kein Hun­ger­lei­der. Mit dem kann ich ein gutes Geschäft machen.“

Und was krächz­te der Papagei?

„Der ist bestimmt kein Hun­ger­lei­der. Mit dem kannst du ein gutes Geschäft machen.“
Da lach­te der vor­neh­me Herr und mein­te: „Was für ein klu­ges Tier­chen! Und Recht hat er: Mit mir kön­nen Sie tat­säch­lich ein sehr gutes Geschäft machen.“
Der Kauf­mann frag­te ihn nach sei­nen Wün­schen und der vor­neh­me Herr bestell­te einen gan­zen Bal­len teu­ren Samt­stof­fes. „Und zur Bezah­lung über­las­se ich Ihnen die­sen ech­ten Rubin­ring.“
Der Kauf­mann betrach­te­te den Rubin. Ob der wohl wirk­lich echt war? Oder nur aus Glas? Lei­der hat­te er kei­ne Ahnung von Edel­stei­nen und konn­te einen ech­ten Rubin nicht von einem nach­ge­mach­ten unter­schei­den.
Wäh­rend der Kauf­mann den Ring von allen Sei­ten betrach­te­te, dach­te der vor­neh­me Herr:
„Der Dumm­kopf ver­steht nichts von Edel­stei­nen. Er geht mir bestimmt auf den Leim!“

Und was krächz­te da der Papagei?

„Du Dumm­kopf ver­stehst nichts von Edel­stei­nen. Du gehst ihm bestimmt auf den Leim.“
Da merk­te der Kauf­mann, dass die­ser ver­meint­li­che Herr ein Betrü­ger war und sag­te: „Mein Herr, der Rubin ist aus Glas!“ Der Kerl warf dem Papa­gei einen bösen Blick zu und ver­schwand.
Der Kauf­mann aber blick­te den Papa­gei freund­lich an und dach­te:
„Wenn du mir nicht gehol­fen hät­test, wäre ich voll in die Fal­le getappt.“

Und was krächz­te da der Papagei?

„Wenn ich dir nicht gehol­fen hät­te, wärst du voll in die Fal­le getappt.“

So ging das jetzt den gan­zen Tag: Der Papa­gei ver­riet dem Kauf­mannn die gehei­men Gedan­ken sei­ner Kun­den. Aber lei­der ver­riet er auch die gehei­men Absich­ten des Kauf­manns an die Kun­den. Damit der Vogel ihn nicht ver­ra­ten konn­te, such­te der Kauf­mann, sich kei­ne Gedan­ken über sei­ne Kun­den zu machen, aber das ging meis­tens schief: Unwil­kür­lich schoss ihm dann doch ein Gedan­ke durch den Kopf, den der Pap­gei auch gleich laut­hals herausplärrte.

Ihr könnt euch ja aus­ma­len, was für Kun­den zum Kauf­mann in den Laden kamen und wel­che Gedan­ken der Kun­den oder des Kauf­manns der Papa­gei dann laut­hals herauskrächzte? 

In sei­nem Vier­tel galt der Kauf­mann als stein­reich und es ging das Gerücht um, er ver­wah­re sei­nen Reich­tum in einer Schatz­kis­te. Davon hör­ten auch zwei Räu­ber und beschlos­sen, die Schatz­kis­te des Kauf­manns zu steh­len. Nur wo hat­te der Kauf­mann sei­ne Schatz­kis­te ver­steckt? 
Dar­über strit­ten die bei­den Räu­ber.
„Ich schät­ze er hat sie hin­ter sei­nem Haus in der Erde ver­gra­ben,“ mein­te der eine.

„Ach was! Ich wet­te, er schläft auf sei­ner Schatz­kis­te. Wir müs­sen ihn nachts in sei­nem Bett über­fal­len.“

Weil sie sich nicht eini­gen konn­ten, wo der Kauf­mann sei­ne Schät­ze ver­steck­te, dach­ten sich die Räu­ber einen Trick aus. Der eine Räu­ber ver­klei­de­te sich als vor­neh­me Dame, ging in den Laden und frag­te den Kauf­mann: „Kön­nen Sie mir einen Sack ver­kau­fen, der 1000 Gold­stü­cke aus­hält ohne zu rei­ßen?“

“Selbst­ver­ständ­lich,” mein­te der Kauf­mann. Und damit über­reich­te er der Dame einen kräf­ti­gen Lei­nen­sack.
Da kam der ver­klei­de­te Räu­ber mit sei­nem Trick.
“Wis­sen Sie, ich muss hun­dert­pro­zen­tig sicher sein, dass er nicht reißt,“ flö­te­te die Dame und warf dem Kauf­mann einen ver­füh­re­ri­schen Blick zu. „Ich fle­he Sie an, fül­len Sie mir zur Pro­be 1000 Gold­stü­cken in den Sack, um zu bewei­sen, dass er nicht reißt!“ 
Und dabei dach­te der ver­klei­de­te Räu­ber: “Wenn er das Gold in den Sack füllt, ver­rät er, wo er sei­nen Schatz ver­steckt.”
Aber was krächz­te da der Papa­gei? “Wenn du das Gold in den Sack füllst, ver­rätst du, wo du dein Geld ver­steckst.”
 Da bemerk­te der Kauf­mann den Trick und die vor­neh­me Dame rann­te aus dem Laden.

Drau­ßen war­te­te der Kum­pel des Räu­bers. „Aus­sichts­los! Er hat einen Papa­gei, der Gedan­ken liest,“ schimpf­te der ver­klei­de­te Räu­ber. „Wir müs­sen die­ses Mist­vieh umbrin­gen.“

„Falsch,“ ant­wor­te­te der zwei­te. „Wir müs­sen ihn fan­gen. Er kann uns ver­ra­ten, wo der Geiz­kra­gen sei­ne Schät­ze ver­steckt.”

Was für ein guter Ein­fall! Nur wie soll­ten sie den Gedan­ken lesen­den Papa­gei fan­gen, ohne dass der ihre fins­te­ren Gedan­ken bemerk­te?

“Ganz ein­fach.“ sag­te der zwei­te Räu­ber. “Wir müs­sen jemand vor­bei­schi­cken, der kei­ne fins­te­ren Gedan­ken hat.”

Zufäl­lig hat­te der ers­te Räu­ber eine Oma, die ein Papa­gei­en­narr war. Der Räu­ber frag­te sie, ob sie schon mal einen Papa­gei gese­hen hät­te, der Gedan­ken lesen kann.
“Na so was!” wun­der­te sich die Oma. “Den muss ich sehen!”
Da schick­te sie der Räu­ber zum Kauf­mann und gab ihr Fut­ter mit, um das Wun­der­tier damit zu beloh­nen. Aber er ver­riet ihr natür­lich nicht, dass sie das Fut­ter mit einem Gift prä­pa­riert hat­ten, das den Papa­gei genau 12 Stun­den läh­men wür­de.
Als sie den Papa­gei im Laden des Kauf­manns sah, dach­te die Oma:
Was bist du für ein lie­bes Vögel­chen! Ich habe dir auch was Lecke­res mitgebracht”.

Und was krächz­te der Papagei?

“Was bin ich für ein lie­bes Vögel­chen! Du hast mir auch was Lecke­res mit­ge­bracht.”
Offen­sicht­lich hat­te die Oma kei­ne bösen Gedan­ken, des­halb hat­te der Kauf­mann auch nichts dage­gen, dass sie dem Papa­gei zu fres­sen gab.

Aber was pas­sier­te nur zwei Stun­den spä­ter? Das Wun­der­tier ließ die Flü­gel hän­gen und fiel plötz­lich von der Stan­ge. Dem Kauf­mann kamen die Trä­nen, aber was soll­te er machen? Er war­te­te noch bis zum Abend, aber als sich der Vogel noch immer nicht reg­te, ging er in den Gar­ten, grub ein Loch und beer­dig­te das Wun­der­tier.
Der Kauf­mann ahn­te nicht, dass er dabei beob­ach­tet wur­de. Und kaum war es Nacht gewor­den, kamen die Räu­ber und gru­ben den Papa­gei wie­der aus. Als der Papa­gei nach 12 Stun­den wie­der leben­dig wur­de, bra­chen sie in der nächs­ten Nacht die Tür zum Laden des Kauf­manns auf und stie­gen ein.
“Gleich zeigt er uns, wo der Geiz­kra­gen sein Geld ver­steckt!” freu­te der eine Räuber.

Und was krächz­te der Papagei?

„Gleich zei­ge ich euch, wo der Geiz­kra­gen sein Geld ver­steckt!”
Die Räu­ber lie­ßen den Papa­gei frei her­um­flie­gen, damit er ihnen zei­gen konn­te, wo der Kauf­mann sein Geld ver­wahr­te. Woher soll­te das der Papa­gei wis­sen? Er hing immer nur an der Decke und sah gar nicht, wohin der Kauf­mann sein Geld brach­te. Im Kauf­manns­la­den flog er zu sei­nem Käfig und setz­te sich hin­ein.
„Aha,“ dach­ten der Räu­ber. „Er ver­steckt sein Geld im Vogelkäfig.“

Und was krächz­te der Papagei?

„Er ver­steckt sein Geld im Vogel­kä­fig.“
Da hol­ten die Räu­ber den Käfig von der Decke des Kauf­la­dens und unter­such­ten ihn. Aber im Käfig war nichts zu fin­den als Papa­gei­enka­cke.
Wütend griff sich ein Räu­ber den Papa­gei, schüt­tel­te ihn und dach­te: “Wenn du Mist­vieh nicht redest, rup­fe ich dir die Federn aus.”

Und was krächz­te der Papagei?

“Wenn ich Mist­vieh nicht rede, rupfst du mir die Federn aus.”
Dabei bekam er es mit der Angst zu tun und wedel­te wild mit den Flü­geln. Und weil er so viel Angst hat­te, krächz­te er so laut und auf­ge­regt, dass der Kauf­mann auf­wach­te, der über dem Laden schlief.

“Wach ich oder träum ich?” dach­te der Kauf­mann. “Das hör­te sich doch an wie mein ver­stor­be­ner Papa­gei!”
Er stand auf und stieg die Trep­pe zum Laden hin­un­ter. Als die Räu­ber die Trep­pe knar­ren hör­te, ver­steck­ten sie sich schnell in einem lee­ren Schrank.
Der Kauf­mann sah den Papa­gei im Laden, zit­ter­te vor Angst und dach­te: „Das ist der Geist mei­nes toten Papageis.”

Was krächz­te da der Papagei?

“Ich bin der Geist dei­nes toten Papa­geis.”
Da warf sich der Kauf­mann vor dem Papa­gei auf die Knie und fleh­te: “Was willst du von mir? Ich mache alles, was du wünscht!”

Da hat­te der eine Räu­ber eine groß­ar­ti­ge Idee. Er dach­te näm­lich absicht­lich: “Öff­ne uns dei­ne Schatz­kis­te und verschwinde!”

Was krächz­te da der Papagei:

“Öff­ne ihnen dei­ne Schatz­kis­te und ver­schwin­de!”
“Ihnen?” frag­te sich der Kauf­mann, und er merk­te dar­an, dass Räu­ber im Laden sein muss­ten. Und er dach­te sich: “Denen wer­de ich gera­de mei­nen Schatz zeigen!”

Was krächz­te da der Papagei?

“Denen wirst du gera­de dei­nen Schatz zei­gen!”
Da glaub­ten die Räu­ber, dass ihnen der Kauf­mann zei­gen wür­de, wo er sein Geld auf­be­wahr­te. Sie kamen aus ihrem Ver­steck und mein­ten: „Dann rücken Sie mal damit her­aus, wo Sie Ihre Koh­le ver­ste­cken!“
Der Kauf­mann tat so, als ob er sie zu sei­ner Geld­kis­te füh­ren wür­de, dabei lock­te er sie auf eine Klap­pe, und als sie dar­auf stan­den, betä­tig­te er die Klap­pe und die Räu­ber fie­len in den Kel­ler. Der Kauf­mann rief die Poli­zei und ließ die Räu­ber einsperren.

Dank­bar dach­te der Kauf­mann: „Du klu­ges Tier hast mich vor dem Ruin gerettet!“

Und was krächz­te der Papagei?

„Ich klu­ges Tier­chen habe dich vor dem Ruin geret­tet!“
Zum Dank kauf­te der Kauf­mann dem Gedan­ken lesen­den Papa­gei einen gol­de­nen Käfig.

Eines Tages brei­te­te der Kauf­mann ein gro­ßes Tuch aus und hing es an der Decke zum Aus­hän­gen auf. Dabei dach­te er: „Die­ser Vogel ist mir sehr nütz­lich, wenn er mir die Gedan­ken der Kun­den ver­rät. Wie scha­de, dass die­ses Mist­vieh auch mei­ne eige­nen Gedan­ken an die Kun­den ver­rät.“
Kaum hat­te er das gedacht, horch­te er auf den Vogel, aber der saß still in sei­nem Käfig. Das Tuch hing zwi­schen dem Kauf­mann und dem Vogel­kä­fig.
„Viel­leicht kann er Gedan­ken nur lesen, wenn er die Leu­te sieht,“ dach­te der Kauf­mann und horch­te. Wie­der blieb der Papa­gei still im Käfig. Da ging der Kauf­mann hin­ter das Tuch, wo ihn der Papa­gei sehen konn­te, und dach­te: „Ich wer­de einen Vor­hang vor sei­nen Käfig anbringen.“

Und was krächz­te da der Papagei?

„Du wirst einen Vor­hang vor mei­nen Käfig anbrin­gen.“
Genau das mach­te der Kauf­mann auch. Er ließ einen Vor­hang vor dem Käfig anbrin­gen, den er auf- und zuzie­hen konn­te. Wenn der Kauf­mann wis­sen woll­te, was sei­ne Kun­den dach­ten, dann zog er den Vor­hang auf. Wenn er aber sei­ne eige­nen Gedan­ken geheim hal­ten woll­te, dann zog er ein­fach den Vor­hang wie­der zu. Des­halb lie­fen die Geschäf­te immer bes­ser und der indi­sche Kauf­mann wur­de damit wirk­lich so stink­reich, wie die Leu­te in sei­nem Vier­tel schon immer gemun­kelt hatten.

Sprach­lich geht es in die­ser Geschich­te um die Bil­dung der Verb­form nach dem Sub­jekt.
Sobald die zuhö­ren­den Kin­der begrif­fen haben, wie die Äuße­run­gen des Papa­geis zu bil­den sind, kön­nen sie gefragt wer­den, was der Papa­gei jetzt wohl von sich geben wer­de. Nach der Fra­ge macht man eine kur­ze Pau­se, um den Kin­dern Zeit zu las­sen, die Ant­wort zu fin­den. Wenn sie nicht oder ver­kehrt ant­wor­ten, wird die zutref­fen­de Ant­wort von den Erzäh­len­den gege­ben.
Der Papa­gei spricht dabei stets mit kräch­zen­der Stimme.