Der hinterhältige Nagel

1.
Oben im drit­ten Stock eines Hau­ses steck­te ein Nagel in der Wand. Dort steck­te er schon vie­le Jah­re und der Putz, in dem er steck­te, war mit den Jah­ren ganz brü­chig gewor­den.
Eines Tages jedoch bemerk­te die­ser Nagel, dass er nur noch locker in der Wand saß. Er ruckel­te etwas hin, dann etwas her, ruckel­te nach oben, dann nach unten und schon hat­te er den Putz so weit gelo­ckert, dass er sich aus der Wand her­aus­zie­hen konn­te. Das hät­te er aber bes­ser blei­ben las­sen sollen!

Denn an dem Nagel hing ein Bild. Und weil es der Nagel nicht mehr hielt, fiel das Bild auf die Blu­men­va­se, die unter ihm auf einer Kom­mo­de stand. Die Vase kipp­te um, das Was­ser aus der Vase lief über die Kom­mo­de, plät­scher­te auf den Fuß­bo­den und bil­de­te dort eine Pfüt­ze.
Es dau­er­te nicht lang, da sicker­te das Was­ser der Pfüt­ze durch die Decke in das Stock­werk dar­un­ter. 
Im zwei­ten Stock hing eine Schnur von der Decke. Von dem Was­ser, das durch die Decke sicker­te, wur­de die Schnur feucht, weich­te auf und riss mit­ten­durch. 
An der Schnur hing ein Vogel­kä­fig und, weil die Schnur riss, fiel der Käfig auf den Fuß­bo­den. Dabei sprang das Käfig­tür­chen auf.
In dem Vogel­kä­fig saß ein Papa­gei, der flog aus dem Käfig, flat­ter­te durch das Zim­mer und krächz­te.
Die Haus­frau hör­te den Papa­gei kräch­zen. Sie kam sie ins Zim­mer gelau­fen, um ihn ein­zu­fan­gen, aber der Papa­gei bekam es mit der Angst und ließ einen Vogel­dreck fal­len. Die Frau trat auf den Vogel­dreck, rutsch­te aus und fiel der Län­ge nach hin. Im Fal­len such­te sie sich irgend­wo fest­zu­hal­ten, erwisch­te das Tisch­tuch und riss es vom Tisch. 

Auf dem Tisch­tuch stand ein Saft­be­cher, der wur­de vom Tisch gezo­gen und roll­te über den Fuß­bo­den. Der rote Saft, lief aus und floss über die Fuß­bo­den­bret­ter. Es dau­er­te nicht lang, da sicker­te der Saft durch die Decke ins Stock­werk dar­un­ter. 
Im ers­ten Stock­werk saß der Haus­herr in einem Ses­sel und las in der Zei­tung. Plopp, fiel plötz­lich ein Trop­fen Saft von der Decke und mal­te einen roten Fleck auf die Zei­tung. Plopp. Plopp. Noch ein Trop­fen, noch ein Fleck und noch einer.
„Was ist das für eine Saue­rei?“ schimpf­te der Mann und blick­te nach oben. Plopp. Da lan­de­te ein Trop­fen Saft direkt auf sei­ner Nasenspitze. 

2.
Nein! Das ging ihm wirk­lich zu weit! Der Haus­herr hol­te den Trop­fen von der Nasen­spit­ze und fauch­te ihn an: „Was fällt dir ein, mir auf die Nasen­spit­ze zu tropfen?“

 

„Nur aus Ver­se­hen, aus Ver­se­hen,
ist das gesche­hen!
Das musst du verstehen!“

ent­schul­dig­te sich der Saft­trop­fen. „Was kann ich denn dafür? Wenn mich doch der Saft­be­cher da oben über den Fuß­bo­den auskippte!

Ist doch glas­klar, dass ich das nicht war. 

Schuld hat der Saftbecher!“

 

Ach­so, es war also der Saft­be­cher, der dort oben im zwei­ten Stock sei­nen Saft auskipp­te! Na war­te! Der Haus­herr has­te­te über die Trep­pe hoch und stürm­te ins Zim­mer. Dort hol­te er den Saft­be­cher vom Fuß­bo­den. „Was fällt dir ein, dei­nen Saft ein­fach über den Fuß­bo­den auszukippen?“

Nanu, nanu!
Hör mir mal zu!
Und bit­te, gib Ruh!

wun­der­te sich der Saft­be­cher. „Was kann ich denn dafür? Wenn mich doch das Tisch­tuch vom Tisch zog!

Ist doch glas­klar, dass ich das nicht war.

Schuld hat das Tischtuch!“

Ach­so, es war also das Tisch­tuch, das den Saftf­be­cher vom Tisch zog! Na war­te! Der Haus­herr griff nach dem Tisch­tuch. „Was fällt dir ein, den Saft­be­cher ein­fach vom Tisch zu ziehen?“

„Gemach! Gemach!
Denk doch erst mal nach,
wer das verbrach!“

ver­tei­dig­te sich das Tisch­tuch. „Was kann ich denn dafür? Wenn sich doch die Frau an mir fest­hielt und mich vom Tisch riss!

Ist doch glas­klar, dass ich das nicht war. Schuld hat die Frau!

 

Ach­so, es war also sei­ne eige­ne Frau, die sich am Tisch­tuch fest­hielt und es vom Tisch riss. Na war­te! Der Mann ging auf sei­ne Frau los. „Was fällt dir ein, dich ein­fach am Tisch­tuch fest­zu­hal­ten und es vom Tisch zu reißen?“

 

„Mann, o Mann,
mach mich nicht an!
Ich tu, was ich kann!“ 

wehr­te sich die Frau. „Was kann ich denn dafür? Wenn ich doch auf dem  Vogel­dreck aus­ge­rutscht bin, den der Papa­gei auf den Fuß­bo­den fal­len ließ!

Ist doch glas­klar, dass ich das nicht war. 

Schuld hat der Papagei!“

Ach­so, es war also der Papa­gei, der sei­nen Dreck auf den Fuß­bo­den fal­len ließ. Na war­te! Der Papa­gei hat­te sich inzwi­schen auf einem Schrank in Sicher­heit gebracht. Der Mann droh­te ihm mit dem Fin­ger. „Was fällt dir ein, dei­nen Dreck ein­fach auf den Fuß­bo­den fal­len zu lassen?“

 

„Ach, ach, ach!
Was soll der Krach?
Mach mich nicht schwach!“

krächz­te der Papa­gei. „Was kann ich denn dafür? Wenn doch der Vogel­kä­fig von der Decke stürz­te und das Tür­chen aufsprang!

Ist doch glas­klar, dass ich das nicht war.

Schuld hat der Vogelkäfig!“

Ach­so, es war also der Vogel­kä­fig, der von der Decke stürz­te und den Papa­gei frei­ließ. Na war­te! Der Mann pack­te den Vogel­kä­fig. „Was fällt dir ein, ein­fach von der Decke zu stür­zen und den Papa­gei freizulassen?“

 

„Augen­blick! Augen­blick!
Das kommt mir zu dick!
Nimm das zurück!“

beschwer­te sich der Vogel­kä­fig. „Was kann ich denn dafür? Wenn doch die Schnur mit­ten­durch riss, ich zu Boden stürz­te und mein Tür­chen aufsprang! 

Ist doch glas­klar, dass ich das nicht war.

Schuld hat die Schnur!“

Ach­so, es war also die Schnur, die mit­ten­durch riss. Na war­te! Der Mann griff sich ein Ende der zer­ris­se­nen Schnur. „Was fällt dir ein, ein­fach auseinanderzureißen?

 

„Was soll die Tour?
Stell dich nicht stur!
Ich bin nur die Schnur!“

keuch­te die Schnur. „Was kann ich denn dafür? Wenn doch das Was­ser durch die Decke sicker­te und mich aufweichte!


Ist doch glas­klar, dass ich das nicht war. 

Schuld hat das Wasser!“

 

Ach­so, es war also das Was­ser, das durch die Decke sicker­te und die Schnur auf­weich­te. Na war­te! Der Mann rann­te über die Trep­pe in den drit­ten Stock. Da erblick­te er auch schon die Pfüt­ze auf dem Boden und die umge­stürz­te Vase auf der Kom­mo­de. „Was fällt dir ein, dein Was­ser ein­fach über den Fuß­bo­den auszugießen?“

 

 

„Sach­te! Sach­te!
Bit­te, beach­te,
dass es hier krach­te!

kon­ter­te die Vase „Was kann ich denn dafür? Wenn doch das Bild auf mich fiel und mich umstieß!

Ist doch glas­klar, dass ich das nicht war.

Schuld hat das Bild!“

 

Ach­so, es war also das Bild, das die Vase umstieß. Na war­te! Der Mann schüt­tel­te den Bil­der­rah­men. „Was fällt dir ein, ein­fach die Vase umzustoßen?“

 

 

„Bla­bla­bla,
was quas­selst du da
Für ein Trallala!“

pro­tes­tier­te der Bil­der­rah­men. „Was kann ich denn dafür? Wenn sich doch der Nagel da oben aus der Wand zog und mich her­ab­fal­len ließ!

Ist doch glas­klar, dass ich das nicht war.

Schuld hat der Nagel!“

Ach­so, es war also der Nagel, der sich aus der Wand zog und das Bild her­ab­fal­len ließ. Na war­te! Der Mann blick­te sich um, um sich den Nagel zu grei­fen. Aber wo war bloß der Nagel?

 

3.
Als er sich aus der Wand gezo­gen hat­te, war der Nagel auf den Ses­sel gefal­len und unter ein Kis­sen gerollt.
Als er ihn nicht fin­den konn­te, rief der Haus­herr: „Hörst du, Frücht­chen? Komm freiwl­lig raus oder du wirst mich ken­nen ler­nen!“
Aber der Nagel hat­te kei­ne Lust, den zor­ni­gen Haus­herrn ken­nen zu ler­nen, und blieb in sei­nem Versteck. 

Da mach­te sich der Haus­herr dar­an, den Nagel zu suchen.
Viel­leicht lag er ja unter dem Tisch. Von wegen! Unter dem Tisch fand der Haus­herr nur eine ver­ros­te­te Gabel, aber kei­nen Nagel.
Viel­leicht war er ja unter den Ses­sel gerollt. Der Haus­herr schob den Ses­sel bei­sei­te. Von wegen! Unter dem Ses­sel fand er nur eine schimm­li­ge Brot­rin­de, aber kei­nen Nagel.
Viel­leicht war er ja unter den Tep­pich gerutscht. Der Haus­herr roll­te den Tep­pich zusam­men. Von wegen! Unter dem Tep­pich ent­deck­te er nur zer­tre­te­ne Nusscha­len, aber kei­nen Nagel. 

Wo, meint ihr, such­te der wüten­de Haus­herr noch nach dem ver­schwun­de­nen Nagel?

Schließ­lich dach­te der Haus­herr: „Ob der Nagel viel­leicht unter die Kom­mo­de gera­ten ist?“
Er leg­te sich auf den Bauch und tas­te­te mit der Hand den Boden unter der Kom­mo­de ab. Einen Nagel konn­te er nicht ertas­ten, aber plötz­lich spür­te er einen hef­ti­gen Schmerz an einem Fin­ger. Aua! Da sah er eine Kat­ze unter der Kom­mo­de her­vor­schie­ßen, die sich dort ver­steckt hat­te. Das Biest hat­te ihn mit ihren Kral­len am Fin­ger erwischt. Und jetzt sprang sie auf einen Stuhl, vom Stuhl auf die Kom­mo­de, von der Kom­mo­de auf ein Reg­al­brett, auf dem ein Blu­men­topf stand. Weil aber hin­ter dem Blu­men­topf nicht genug Platz für die dicke Kat­ze war, schob sie den Blu­men­topf über den Rand des Reg­al­bret­tes und der Blu­men­topf fiel dem wüten­den Haus­herrn direkt auf den Kopf.

 

Aua! Der heul­te vor Schmerz auf und ließ sich in den Ses­sel fal­len. Auf dem Ses­sel aber lag das Kis­sen und unter dem Kis­sen lag der Nagel. Und was mach­te der?
Der stach den wüten­den Mann in den Hin­tern. So ein hin­ter­häl­ti­ger Nagel!

Aha, jetzt wuss­te der Haus­herr wenigs­tens, wo der Nagel steck­te. Er hol­te ihn unter dem Kis­sen vor und fuhr ihn an: „Na war­te, Frücht­chen! Du bringst mir mein Haus nicht noch ein­mal durch­ein­an­der! Weißt du, was ich mit dir mache? Ich wer­de dich so in die Wand klop­fen, dass du dich nie mehr wirst her­aus­zie­hen kön­nen, das ver­spre­che ich dir.“ 

 

Und damit hol­te er einen Ham­mer, aber nicht so ein gewöhn­li­ches Häm­mer­chen. Nein, damit der hin­ter­häl­ti­ge Nagel sich bestimmt nie mehr aus der Wand zie­hen konn­te, hol­te er den gro­ßen Vor­schlag­ham­mer. Dann schob er den Nagel in das Loch im Putz, wo er schon vor­her gesteckt hat­te, nahm den schwe­ren Ham­mer und schlug zu.
Aber was mach­te der hin­ter­häl­ti­ge Nagel? Der saß ja ganz locker in dem Loch, und als der gute Mann zuschlug, beweg­te er sich etwas nach unten, der Ham­mer schlug zu, aber traf nur die Wand über dem Loch und hin­ter­ließ dort eine tie­fe Del­le.
Wütend schlug der Mann gleich wie­der zu und ziel­te dabei etwas wei­ter nach unten, um den Nagel ganz bestimmt zu tref­fen. Aber was mach­te da der hin­ter­häl­ti­ge Nagel? Er beweg­te sich etwas nach oben, und wie­der traf der Ham­mer dane­ben und schlug unter dem Nagel eine Del­le in die Wand.
Da griff der Mann mit einer Hand nach dem Nagel, um ihn fest zu hal­ten, und schlug mit der ande­ren Hand zu. Der Nagel konn­te sich zwar jetzt nicht mehr bewe­gen, aber auch der gute Mann konn­te mit einer Hand nicht mehr genau zie­len und klopf­te sich auf den Fin­ger. Das tat viel­leicht weh! Da war der Mann erst rich­tig wütend.
Na war­te! sag­te er sich, fass­te den dicken Vor­schlag­ham­mer mit bei­den Hän­den und schlug mit aller Kraft zu. Und was pas­sier­te?
Der Vor­schlag­ham­mer durch­schlug die Wand, der Nagel flog nach drau­ßen und lan­de­te zwi­schen Stein­bro­cken und Putz­tei­len unten auf der Straße. 

Ich weiß nicht, was wei­ter aus ihm gewor­den ist, ob er da lie­gen blieb, ob ihn jemand ent­deck­te und mit­nahm oder was der hin­ter­häl­ti­ge Nagel sonst noch ange­stellt hat. Aber eines möch­te ich euch raten: Falls ihr irgend­wo einen dicken ros­ti­gen Nagel seht, lasst den bes­ser lie­gen. Es könn­te der hin­ter­häl­ti­ge Nagel sein und es könn­te euch pas­sie­ren, dass der euch ganz gewal­tig austrickst. 

Zuerst erschie­nen in: Johan­nes Mer­kel: Das Kro­ko­dil an der Ampel, Ber­lin 1988, S. 70-73
Zeich­nun­gen Die­ter Malza­cher und Horst Rudolph

Die Geschich­te besteht aus einer Ket­te von Ursa­chen und Wir­kun­gen, die im zwei­ten Teil zurück ver­folgt wer­den. Um die umge­kehr­te Abfol­ge ein­zu­pär­gen, kann man auch jedes Mal wie­der fra­gen: „Und was macht der Hausherr?“

Es geht also ein­mal um Kau­sa­li­tät und dabei jeweils um die Fra­ge nach dem Schul­di­gen, die KIn­der oft sehr beschäf­tigt. Bei­de The­men kann man im Anschluss an die Erzäh­lung auch ansprechen.